TRIEST - MAG. LEO NEUMAYER

 
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„Man wird bescheiden: kurze Reisen in benachbarte Länder werden hoffentlich bald wieder möglich sein – etwa nach Triest.  
Die Anreise ist – normalerweise - nicht weit und unkompliziert.
Und dann ist man fast noch in Österreich mit vielen historischen und auch aktuellen Bezügen und eben doch nicht: Italien, Slowenien, Kroatien, sogar ein Hauch von Orient umweht uns.
Und man ist am Meer – so wie einst das alte Österreich hier eine Seegroßmacht war und diese Stadt mitgeprägt hat.
Uns erwartet eine wundervolle Stadt – ein wenig Wien, ein wenig Venedig, sie atmet Süden, aber auch Norden und auch Osten - eigen- und einzigartig: eben Triest.

Es ist eine große Stadt und doch recht überschaubar, sozusagen `handlich´ mit etwas über 200.000 Einwohnern. Die Lage am Golf von Triest bezaubert heute wie einst, als sie Zentrum des österreichischen Küstenlandes war.
Sie ist Universitäts- und Bischofsstadt und wirtschaftlich bedeutend (Illy-Kaffee, Versicherungen wie Generali, Schiffsbau und Schifffahrtsunternehmen wie Italia Marittima/ ehemals Lloyd Triestino bzw. Österreichischer Lloyd).

Die Habsburger haben diese Stadt stark (mit)geprägt. Von 1382 bis 1918 war Triest habsburgisch/österreichisch, als wichtigster Hafen Österreichs (bzw. Österreich-Ungarns) wurde Triest zum maritimen Tor zur Welt!
Das Zentrum der Stadt ist unbestritten die Piazza dell’Unità d’Italia (`Platz der Einheit´). Dieser rechteckige Hauptplatz blickt selbstbewusst aufs Meer und ist gesäumt von schönen klassischen und klassizistischen Gebäuden wie dem Rathaus, dem Palazzo del Governo, dem Hotel Duchi d’Aosta und dem Palazzo del Lloyd Triestino (erbaut von Heinrich von Ferstel 1883).
Nicht fehlen dürfen ein schöner Brunnen mit der Darstellung der damals bekannten vier Kontinente sowie die Säule Kaiser Karls VI., der mit der Hand natürlich zum Hafen zeigt. In diesem Ambiente ein Glas Wein oder Prosecco zu trinken, einen Kaffee zu genießen, zu speisen oder einfach zu spazieren, ist Freude pur.

Nur wenige Schritte weiter erwarten uns die alte Börse und das vielbesuchte Opernhaus, das Teatro Verdi. Auch da darf ein Habsburger nicht fehlen -diesmal Kaiser Leopold I. Natürlich gibt es auch hier Lokale, Kaffeehäuser, edle Einkaufsmöglichkeiten…

Die Altstadt zieht sich hinauf zum bedeutendsten Gotteshaus der Stadt, San Giusto. Am Fuße des Hügels befindet sich der älteste Stadtteil Triests mit antiken Resten (etwa Ruinen des römischen Theaters). Der Weg hinauf ist – wenn man ihn zu Fuß zurücklegt - ebenso steil und mühsam wie beschaulich und ruhig. Das Wahrzeichen und wichtigste Bauwerk der Stadt, die Kathedrale San Giusto, blickt von hier auf die geschäftige Stadt hinunter - ursprünglich wurden zwei Parallelkirchen zur heutigen Kathedrale vereint. Über der Kirche ragt noch eine mächtige Burg auf, die ebenfalls auf die Habsburger zurückgeht.

Zurück in der Unterstadt lädt das sogenannte Borgo Teresiano (benannt nach Kaiserin Maria Theresia) zu einem Bummel ein! Stark geprägt ist dieser Stadtteil vom Canal Grande, der Meer und Stadt verbindet. Rund um diesen Kanal gibt es weitere bedeutende Kirchen (vor allem orthodoxe auf Grund der vielfältigen Handelsbeziehungen), aber auch viele einladende Lokale. Dort zu sitzen und das Treiben entlang des Wassers zu beobachten, ist wahre Erholung!

Triest ist auch eine Stadt der Dichter – eine Statue am Canal Grande erinnert an James Joyce, der über ein Jahrzehnt lang in Triest wohnte und schrieb; etwa an den Kurzgeschichten `Dubliner´, hier begann er sein Hauptwerk `Ulysses´. Er arbeitete nicht nur – er genoss hier auch die Annehmlichkeiten des Lebens in vollen Zügen. Und er beeinflusste seinen Freund und Kollegen, den Triester Italo Svevo, einen der wichtigsten Autoren Italiens - diesen beiden ist auch ein passables Museum gewidmet. Auch Spuren jüdischen Lebens gibt es – besonders um die Triestiner Synagoge, einem der bedeutendsten jüdischen Gotteshäuser Europas. Umberto Saba, einer der Dichter Triests, war Teil dieser jüdischen Gemeinde.

Das Stadtviertel Borgo Giuseppino (Josephsvorstadt) erstreckt sich Richtung Westen und ist inzwischen ein weiteres beliebtes Ausgehviertel der Stadt mit der Piazza Venezia als Zentrum - auch hier finden wir  eine Habsburger-Statue: Erzherzog Maximilian von Österreich, welcher in Richtung `seines´ Schlosses Miramare blickt. An sehr schönen Tagen reicht der Blick bis zu den Alpen und Dolomiten.

Hat man etwas länger Zeit, lohnt auch ein Ausflug aus der Stadt hinaus auf den
Triestiner Karst – eine ganz andere, eigenwillige, steinige, vom Kalk geprägte Landschaft.
Vielleicht kennen Sie die Krimis von Veit Heinichen – sie spielen nicht nur in der Stadt, sondern häufig auch in dieser Gegend!
Unbedingt sehenswert, etwas außerhalb des Zentrums, ist das Schloss Miramare, das der spätere Kaiser Maximilian erbauen ließ – in schönster Lage am Meer umgeben von anmutigen Gartenanlagen. Nur einige Kilometer entfernt gibt es das nächste bedeutende Schloss: Duino. Hier kann man auf den Spuren von Rainer Maria Rilke wandern und in den `Duineser Elegien´ schwelgen …

Kulturell war und ist Triest eine Stadt des Zusammentreffens von Kulturen, Völkern, Sprachen und Religionen - ein Ort der Begegnung, des Dialogs, des Ausgleichs. Und damit von wunderbarer Bedeutung in einer oft gespaltenen Welt! Triest bietet einen hohen Lebensstandard, es ist ein guter Ort zum Leben und Lebenlassen, zum Genießen – u.a. auch dank seiner Kaffeehauskultur. Es gibt viele berühmte und noch mehr – oft zu Unrecht – unbekannte Kaffeehäuser, die einladender nicht sein können. Wahre Institutionen sind das `Caffè Tommaseo´ und das Caffè degli Specchi´ an der `Piazza dell‘ Unita´, in dem einst Rilke, Kafka oder Joyce verkehrten.

Der schon erwähnte Veit Heinichen kam u.a. hierher, `…  weil ich die Stadt der Dichter sehen wollte: Joyce, Svevo, Saba, Rilke, Casanova, Stendhal, Burton etc.´. Und weiter meint er: `Kein Ort in Europa verfügt über mehr Grenzen als Triest. Direkt oder über den Seeweg steht die Stadt täglich mit über zwölf Ländern in Verbindung. Sie ist ein Schnittpunkt Europas, der Übergang zwischen der mediterranen Welt und der des Nordens, des Balkans und Westeuropa, Meer und Berg, Kommerz und Kultur´.

Man wird bescheiden, meinte ich am Anfang. Nein! Man muss gar nicht bescheiden sein: Triest bietet eine vollkommene Welt auf kleinstem Raum.“