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WANDERN IN IRLAND

VON DR. HANS STEYRER

 
Starte Diaschau
Glendalough (C) Tourism Ireland  Wanderweg im Killarney NP (C) Dado Ibrakovic  Killarney NP (C) Dado Ibrakovic Killary Harbour (C) Tourism Ireland  Connemara (C) Tourism Ireland  Burren (C) Elisabeth Kneissl-Neumayer
 

„Irland ist eine alte Sau, die ihre Ferkel frisst“ – vielleicht eines der unbekannteren Zitate von James Joyce, aber eines, das die ambivalenten Gefühle vieler Iren ihrer Heimat gegenüber widerspiegelt. Irland ist eine junge Nation, die ihre Unabhängigkeit erst im Jahre 1921 erreicht hat. 800 Jahre beherrschte das benachbarte England die Insel als Kolonialmacht, eine Tatsache, die einen bitteren Geschmack hinterlassen hat und Irland bis heute prägt. Die historische Sichtweise der Iren ist „niemals nüchtern und sachlich, sondern patriotisch, nationalistisch und emotional“ (Sean O´Faolain: The Irish). Auch der Blick der Iren in die Vergangenheit ist mehr oder weniger zeitlos: alles, was jemals geschehen ist, wirkt ins Heute hinein. So werden irische Helden bis heute besungen, auch wenn sie mehr Chaos anrichteten, als Siege errangen, und jegliches Scheitern wird den Engländern untergeschoben.

„Du befindest Dich auf der Erde. Dafür gibt es keine Heilung.“ (Samuel Beckett)

Irland war aber nicht immer eine Insel, und so konnten schon vor mehr als 9000 Jahren die ersten Siedler über die damals noch existierende Landbrücke einwandern. Wer waren diese Menschen, die zunächst kaum Spuren hinterlassen haben, uns dann aber die Dolmen, Stein- und Ganggräber geschenkt haben, die sie vor mehr als 5000 Jahren errichteten? Wenn wir uns auf die Suche nach den „wahren“ Iren machen, und das werden wir, stoßen wir immer wieder auf die Kelten, die vor mehr als 2500 Jahren in Irland angekommen sind. Angekommen, um zu bleiben und um das Land, die Menschen und die Sprache bis heute zu prägen. Die alten Sagen erzählen noch von dieser Zeit, wie etwa die Táin Bó Cúailnge (Rinderraub von Cooley), die zentrale Sage des Ulster-Zyklus, eines der vier großen Zyklen der mittelalterlichen irischen Literatur. Auch auf den Spuren des jugendliche Helden Cú Chulainn dieser Sage wollen wir wandeln, die Landschaftseindrücke, die wir haben werden, werden nicht viel anders sein, als damals. Auch die Menschen, denen wir begegnen, werden die romantische Faszination ausüben, wie das Volk der Kelten, das einstmals ganz Europa prägte. Kunstfertigkeit und ein erfolgreiches soziales Gefüge (von den Brehon Laws, dem Brehonischen Gesetz, könnten wir uns heute noch einiges abschauen) und ihre Sagen zeugen von einem Volk begabter Helden – die unmittelbaren Vorfahren der modernen Iren eben. Dass sie auch als rauflustig und trinkfreudig galten, ist Teil ihrer Geschichte. Ein sehr lebendiger Teil. Das gaelische Irland ist heute wieder sehr präsent – alles, was keltisch klingt oder auch nur als keltisch erfunden ist, wird in hohen Ehren gehalten, es trägt zum romantischen und liebenswerten Mythos Irlands bei und bringt Sympathien und Geld.

„Bewahre die Liebe in Deinem Herzen. Ohne sie ist das Leben wie ein Garten ohne Sonne, aus dem die Blumen verschwunden sind“ (Oscar Wilde)

Auch das Christentum Irlands ist mit Helden verbunden, vor allem mit dem Hl. Patrick, der im 5. Jh. durch Irland zog und die keltischen Kultstätten in christliche wandelte. Zahllose Klostergründungen durch ihn und seine Mitbrüder entwickelten sich zu wirtschaftlichen, religiösen und kulturellen Zentren, deren Macht und Größe wir zutiefst spüren werden, wenn wir durch die Ruinen von Clonmacnoise streifen und uns vorstellen, welches rege Leben damals am Shannon geherrscht haben mag. Oder unser Gang durch das mittelalterliche Kloster Glendalough, dem Kloster des Hl. Kevin. Dort, im „Tal der zwei Seen“, entstanden während der letzten Eiszeit, finden wir auf unserer Wanderung in den Wicklow Mountains atemberaubende Landschaften und paradiesische Stille:

„Die Bäume stehen in herbstlichem Prangen,
die Pfade des Walds sind verdorrt,
im Oktoberdämmer spiegelt das Wasser
des Himmels schweigenden Hort.
Zwischen feuchten Steinen haben ihre Domäne
neunundfünfzig Schwäne.“ (William Butler Yeats)
 
Die Geschichte Irlands war über weite Strecken blutig – bis ins 20. Jh. hinein, aber eine der düstersten Perioden begann um 800 mit den Überfällen der Wikinger, deren Ziel zunächst die reichen Abteien waren, von denen sie dank der überschwänglichen Erzählfreude der fahrenden Mönche gehört hatten. Mit ihren heute berühmten, damals berüchtigten Langschiffen fuhren sie die Flüsse stromaufwärts, wo sich die reichsten Klöster befanden, um sie zu brandschatzen und zu plündern. Wichtiger als das Langschiff war der Knorr, ein Schiffstyp, mit dem die Wikinger zur Landnahme zu allen Inseln im Atlantik aufbrachen, und es war der Lastesel, auf dem die Wikinger ihre Beute und vor allem ihre Handelswaren über die Meere und Flüsse beförderten. Den Räubern, darunter nicht selten auch kaum minder gierige keltische Stammeshäuptlinge, folgten nämlich unmittelbar die Händler, meist aus Nordeuropa, die an günstig gelegenen Häfen und Flüssen die ersten Städte Irlands gründeten, wie Cork, Waterford, Wexford und das unvergleichliche Dublin, und die im Laufe der Zeit ein blühendes Gemeinwesen und einen weit reichenden Handel aufbauten.

In der lieblichen Stadt Dublin
wo die Mädchen so schön sind,
warf ich sofort ein Auge auf die süße Molly Malone,
wie sie ihren Karren
durch breite und enge Straßen rollt
und ruft, "Herzmuscheln und Miesmuscheln, lebendig, lebendig, hoo!" (James Yorkston, 1883)
 
Die Landschaften Irlands, seine Küsten mit zahlreichen natürlichen Häfen, die schiffbaren Flüsse, die Rohstoffe, der oft fruchtbare Boden und das milde Klima sind Faktoren, welche die Besiedelungsgeschichte der Insel maßgeblich beeinflusst haben. Faktoren, die viel weiter in der Zeit zurückreichen als 9000 Jahre. Damals war Irland noch keine Insel, die Eismassen des letzten Glazials waren noch nicht geschmolzen, der Meeresspiegel lag viel tiefer als heute. Eine kahle Felsenburg mit etwa 70.000 km² erhob sich über der Irischen See und konnte - damals noch unverhüllt von Vegetation - die Geschichte gewaltiger Gebirgsbildungsphasen erzählen: Irland liegt an der Nahtstelle, wo vor 450 Millionen Jahren die Kontinente Laurentia und Gondwana kollidierten, der dazwischen liegende Ozean Iapetus geschlossen wurde und das Kaledonische Gebirge entstand. Die Narbe dieser Kollision erstreckt sich von Dingle an der Westküste bis nach Clogherhead im Osten – wir werden sie auf unserer Reise sehen!
Die Geschichte Irlands ging weiter – die Insel bewegte sich durch plattentektonische Prozesse bis nahe an den Äquator. Während dieser Zeit, dem Karbon, war Irland Teil eines tropischen Meeres, in dem sich Sande, Tone und Kalke ablagerten, die wir bei unserer Wanderung im Burren erkunden werden. Die heutige Position Irlands, etwa 6000 km nördlich des Äquators, erforderte wieder großräumige plattentektonische Bewegungen, die mit der erneuten Öffnung des Atlantiks in engem Zusammenhang stehen. Vor 60 Millionen Jahren begann dieser Prozess der Ozeanbodenbildung, Unmengen an Basalt flossen aus, am beeindruckendsten am Giant´s Causeway, aber die Lava bedeckt auch weite Teile von Antrim und Derry.
Die heutige Position am 54. Breitengrad ist auch die Ursache für die nächste Veränderung der Insel, die vollständige Vereisung Irlands während des Quartärs. Über einen Zeitraum von 1.7 Millionen Jahren formten Eisvorstöße und -rückzüge das Land. Gewaltige U-Täler, zahllose erratische Blöcke und die allgegenwärtigen Moore sind Zeugen dieser Ereignisse. Diese einzigartigen Lebensräume bedeckten einst fast ein Fünftel der Insel, jahrhundertelanger Abbau hat die Flächen dezimiert, aber in Irland gibt es immer noch die größten Moorlandschaften Europas. Die vielgerühmte glatte Haut irischer Frauen sei übrigens der Pflege mit Moorwasser zu verdanken, so erzählt man sich. Tatsächlich hat Moorwasser konservierende Eigenschaften, die selbst Jahrtausende alte Moorleichen frisch erhalten.

Torf ist heute nicht mehr der hauptsächliche Brennstoff, längst haben moderne Techniken und Wärmetauscher die alten Torffeuer abgelöst, doch sorgen sie in den Häusern immer noch für stimmungsvolle Kaminromantik, und sind damit eines von vielen Paradoxa Irlands, dieser Insel mit einer faszinierenden Mischung aus Rückschritt und Fortschritt. Der Charme, dem wir uns nicht entziehen können, beruht vielleicht genau auf der Mischung aus Provinzialität, freundlicher Unschuld, Musikalität und dem Stolz auf die eigenen Erfolge seit der Unabhängigkeit.
 
„Die leichte Musik von Whisky, der in ein Glas fließt - ein angenehmes Intermezzo“ (James Joyce)

 
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