Nord- und Ostfriesland - wo man lange Tage und leckere Krabbenbrötchen genießt, wo man mehr Tee trinkt als sonst wo und noch am Abend mit „Moin“ begrüßt wird, wo erst dann Sturm herrscht, wenn die Schafe keine Locken mehr haben und das Handy ein Handklönkasten ist.
Friesland – ein guter Teil des Landes liegt unter dem Meeresspiegel, deshalb spielen Deiche und Dämme eine wichtige Rolle. Vor Friesland liegt das Wattenmeer – eine einzigartige Landschaft, seit 2009 UNESCO-Welterbe. Vor Friesland liegen auch zahlreiche Inseln – die Ostfriesischen Inseln, entstanden durch Sedimentablagerungen; die Nordfriesischen Inseln, entstanden aus der Eiszeit. Und dann gibt es vor Friesland auch zehn Halligen, entstanden auf ehemaligem Marschland. Und natürlich gibt es auf Sylt auch den nördlichsten Ort Deutschlands und mit Helgoland Deutschlands einzige Hochseeinsel. All dies lohnt die Reise, all dies werden wir sehen und erleben!
Start in Hamburg
Zunächst aber zurück an den Start: wir landen in Hamburg, Deutschlands zweitgrößter Stadt. Vom Flughafen geht es schnurstracks nach Schleswig – das erste (von vielen) Fischbrötchen wartet! Aber es warten auch die malerische Fischersiedlung Holm und der Dom mit einem besonderen Kunstwerk, dem Bordesholmer Altar, aus Eichenholz geschnitzt mit 392 Figuren! Husum, Theodor Storms „graue Stadt am Meer“, ist unsere gar nicht graue „Basisstation“ für die nächsten Tage. Natürlich lassen wir uns auch durch das Wohnhaus des Autors des „Schimmelreiters“ führen.
Sylt, Sturmflutkino, Watt
Sylt ist die größte deutsche Nordseeinsel, hat einen endlosen Sandstrand im Westen und als höchste Erhebung eine Düne. Das Nordseebad ist mit dem Festland über den Hindenburgdamm verbunden und unser Busfahrer Uwe kann sein Geschick beweisen, wenn er souverän unseren Bus auf die Bahnverladung bugsiert. Auf Sylt besteigen wir tatsächlich die höchste Düne, wandern an den endlosen Sandstrand und durch die blühende Heidelandschaft zwischen Wanderdünen und bewundern die reetgedeckten Friesenhäuser in Keitum. In List können wir uns in der berühmten nördlichsten Fischbude Deutschlands stärken (keine Angst – es gibt auch kulinarische Spezialitäten, die nicht aus dem Meer stammen) und in Westerland über die Promenade spazieren.
Am nächsten Tag sind wir – typisch für Friesland – dem Wetter ausgeliefert. Am meisten fürchten die Anwohner der Küsten eine Sturmflut und „Landunter“. Was dabei passiert, sehen wir auf der Hallig Hooge im Sturmflutkino. Mit einer „endemischen“ Kutsche fahren wir von Warft zu Warft (so heißen die Hügel, auf denen die Halligbewohner ihre Häuser errichtet haben) und lernen mehr über das Leben auf einer Hallig – ausgeliefert der Natur. Ungemein spannend. Den Nachmittag – oder auch den Vormittag, das gibt die Natur vor: wir brauchen dazu die Ebbe – verbringen wir bei einer geführten Wanderung im Watt. Es ist in der Tat ein einzigartiges Erlebnis, das Watt zwischen den Zehen zu spüren und diesen besonderen Teil der Nordsee zu erleben, der zweimal täglich überspült wird und zweimal täglich trockenläuft. Wer möchte, kann natürlich auch Gummistiefel anziehen.
Malerische Inseln, schöne Städte
Wir übersiedeln von Nordfriesland in den Westen nach Ostfriesland - Ostfriesland liegt im Westen von Deutschland, aber im Osten von Friesland, das auch einen Teil der Niederlande bildet. Unterwegs spazieren wir durch Friedrichstadt und Glückstadt und überqueren mit der Elbfähre den an dieser Stelle 3,5 Kilometer breiten Fluss! In Wilhelmshaven fahren wir zur größten Drehbrücke Europas, die vor bereits 120 Jahren erbaut wurde, später erreichen wir Wittmund, wo wir für die nächsten Tage unsere „Zelte aufschlagen“.
Der nächste Tag, die nächste Insel – Spiekeroog, eine der 7 ostfriesischen Inseln. Nicht mal 1000 Menschen leben hier, es gibt keine Autos, keinen Flughafen, aber sehr viele Touristen, die so wie wir die einzigartige, entschleunigende Atmosphäre genießen. Vom malerischen kleinen Hafen Neuharlingersiel – der für sich schon den Besuch lohnt – geht es auf die Insel und dort zu Fuß weiter. Wir wandern durch endlose Dünen an den endlosen Strand zu zwei gegensätzlichen Kirchen (nicht nur die Konfession betreffend): der alten Inselkirche aus 1696 und zu „Gottes Zelt in den Dünen“ aus 1971. Dazwischen sehen wir schöne Friesenhäuser und erleben gemütliche Cafés.
In Ostfriesland gibt es nicht die eine große Stadt, sondern mehrere etwa gleich große – aber durchaus sehenswerte Städte. Zwei davon besuchen wir: Jever und Leer - mit dem Haus Samson gibt es ein Fenster zur Lebenskultur des 18. und 19. Jahrhunderts. Leer ist auch der perfekte Ort, um in aller Ruhe einen Ostfriesentee zu genießen – mit Kluntje und Sahnewölkchen, aber unbedingt drei Tassen, das ist Ostfriesenrecht!
Bremen
Am nächsten Tag verlassen wir Friesland Richtung Bremen. Die Hansestadt ist eine besonders sehenswerte Stadt, Altes Rathaus, Dom und Bremer Roland am Marktplatz bilden eine schöne Kulisse. Zeit für eine Märchenstunde – immerhin warten die Bremer Stadtmusikanten auf uns! Auch durch den alten Kern der Stadt spazieren wir, durch die malerischen Gassen des Schnoor-Viertels aus dem 17. Jahrhundert. Dort werden wir auch am Abend eine typische Spezialität genießen: Matjes mit Bratkartoffeln! Aber bevor es soweit ist, machen wir noch einen lohnenden Abstecher in den kleinen Ort Worpswede, bekannt geworden als Künstlerkolonie, wo auch Paula Modersohn-Becker arbeitete, lebte und viel zu früh starb.
Hamburg, jetzt richtig
Von Bremen geht es zurück nach Hamburg und auf dem Weg lernen wir noch eine alte Kulturlandschaft kennen: das Alte Land, mit endlosen Obstplantagen und schönen Ortschaften wie Stade. In Hamburg widmen wir uns nach dem obligatorischen Fischbrötchen (oder einer Currywurst) an den Landungsbrücken gleich ersten Besichtigungen. Untrennbar verbunden mit Hamburg sind die Speicherstadt, das Kontorhausviertel, die Deichstraße, die Reeperbahn, das Mahnmal St. Nikolai … Und unser Hotel für die nächsten Tage liegt perfekt fast neben dem Michel – der Hauptkirche St. Michaelis.
Vielleicht Helgoland?
Zwei abwechslungsreiche Ausflüge erwarten uns an den nächsten beiden Tagen: zunächst kann es - fakultativ - auf Deutschlands einzige Hochseeinsel, Helgoland, gehen. Schon die Fahrt dorthin mit dem Schnellkatamaran ist ein Erlebnis: zunächst geht es entlang der Elbe vorbei an den Hafenanlagen, Altona und der Airbusfabrik bis Cuxhaven – dann erreichen wir das offene Meer. Helgoland hat es in seiner Geschichte nicht immer einfach gehabt: zunächst hat eine gewaltige Sturmflut 1721 die Insel in zwei Teile zerrissen und nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Royal Air Force die größte nichtnukleare Sprengung der Geschichte ausgelöst. Zynisch bezeichneten sie Helgoland als „Hell go land“. Nun – die Insel hat all das erfolgreich überstanden, ist nicht zur Hölle gegangen und beherbergt derzeit 1300 Bewohner und 1600 Gästebetten. Im Sommer kommen noch tausende Trottellummen dazu, die auf den roten Felsen nisten. Auch der berühmteste Fels, die „Lange Anna“, bietet den Seevögeln Platz. Bei unserer Besichtigung gehen wir den beeindruckenden Klippenpfad um die Insel und haben nachher noch Zeit, uns in den zahlreichen Hummerbuden zu stärken. Und was noch viele Besucher anzieht: Helgoland ist Zollfreigebiet und das spiegelt sich auch im Warenangebot wider.
In der Lüneburger Heide
Der zweite Ausflug führt uns in die Lüneburger Heide. Mit einer Kutsche fahren wir durch diese entspannende und wunderschöne Landschaft. Kein Auto stört die Idylle. Es geht durch Wälder, über blühende Heide und in ein typisches Heidedorf. Großartig die Farbe der blühenden Besenheide im Sommer. Nicht minder beeindruckend ist die Altstadt von Lüneburg, unser Ziel für den Nachmittag. Über 1300 Backsteinhäuser sind denkmalgeschützt, Lüneburg, durch den Salzhandel reich geworden, konnte seine Altstadt unbeschädigt durch den Zweiten Weltkrieg retten. Und wer weiß schon, dass es in Lüneburg ein schwangeres Haus gibt?
Der Tag unserer Heimreise ist noch Hamburg gewidmet. Was haben der Skylink am Flughafen Wien, der Flughafen in Berlin und die Hamburger Elbphilharmonie gemeinsam? Sie alle haben sowohl geplanten Eröffnungstermin als auch Budget kräftig überzogen. Bei der Elbphilharmonie, liebevoll Elphi genannt, hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Davon können wir uns überzeugen, wenn wir morgens auf die für alle zugängliche Besucherterrasse auffahren. Bei den restlichen Besichtigungen in Hamburg sind wir flexibel. Auf jeden Fall spazieren wir zum Rathaus und zur Binnenalster. Auf dem Weg zum Flughafen fahren wir noch durch das nicht ganz günstige Wohnviertel um die Außenalster – und zwischendurch bleibt noch genügend Zeit für individuelle Entdeckungen. In 11 Tagen haben wir 4 Hansestädte besucht, in 4 Hotels logiert, 4 Inseln erkundet und 4 deutsche Bundesländer besucht. Dazu viele Fischbrötchen genossen (vielleicht) und viel gelernt über das Leben in großer Abhängigkeit von der Natur. Am Ende kehren wir in eine Heimat zurück, die nicht von Sturmfluten gefährdet ist und man am Abend niemanden mit „Moin“ begrüßen sollte – und wo Fischbrötchen schwer zu bekommen sind. Das ist alles sehr beruhigend.
von Dr. Thomas Ertlthaler

