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DER ZAUBER DES LOIRETALS

VON DR. RAFAEL PREHSLER

 
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Eine Reise durch das Loire-Tal führt zu prächtigen Schlössern, einst von Adeligen erbaut. Prachtvolle Gärten, sehenswerte Architektur und kulinarische Genüsse machen sie zu einem Fest für alle Sinne.

Einen Garten habe er, gefüllt mit duftenden Gewächsen, mit Rosen, Veilchen und Krokussen, mit Thymian und Rosmarin, Lilien und Narzissen, Ringelblumen und Anis – so wusste der Abt und Dichter Balderich bereits im Jahr 1100 von seinem Kloster in Bourgeuil zu berichten. Jahrhunderte später bezeichnete der an der Loire weilende Florentiner Botschafter Francesco Florio das ganze Flusstal als „Garten Frankreichs“. Und dann war da noch Auguste Rodin, der in der Loire einen „Strom des Lichts, des süßen, glücklichen Lebens“ sah. 

DIE FÜLLE
Fülle ist es, was die Loire am besten beschreibt, und vermutlich sind es die Gärten selbst, die dies am besten veranschaulichen. Denn zu den schönsten Loire-Erlebnissen zählen zweifelsohne Spaziergänge durch die akribisch gepflegten Parkanlagen von Villandry und Chenonceaux. Die revitalisierten Renaissance-Gärten mit ihren Bosketten, Carrés und Wasserspielen versetzen den Besucher zurück in die Zeit, als das Loiretal bevorzugter Wohnort der französischen Könige und Königinnen war. 

KÖNIG UND BAUHERR
Selbstdarsteller waren sie, diese Monarchen aus dem Hause Valois. Etwa Franz I., der sich gerne von gut zwei Dutzend eleganter Hofdamen, der so genannten petite bande, begleiten ließ. An seinem Hof bestimmten Intrigen, Verschwörungen und Eifersüchteleien den Alltag – besonders die schöne Diana von Poitiers, Mätresse gleich zweier Könige, sorgte für mächtig Unruhe. 

Vor allem aber traten die Könige als Mäzene und Bauherren auf – alte Burgen wurden im Stil der Renaissance umgestaltet, pompöse Schlösser neu errichtet. Wenn man nach Chambord kommt, sieht man augenblicklich, dass dabei nicht gespart wurde: mehr als 400 Räume wurden im Château untergebracht, auf der Dachterrasse wandert man durch ein ganzes Meer an kunstvoll gestalteten Schornsteinen. Der Adel folgte nach, ließ sich gleichermaßen vom Baufieber anstecken. Eines der schönsten Beispiele hierfür ist das Wasserschloss Azay-le-Rideau, das sich malerisch im Flüsschen Indre spiegelt.
Um die ehrgeizigen Vorhaben umzusetzen, waren große Namen, ja Genies notwendig. Aus Italien ließ man keinen Geringeren als Leonardo da Vinci kommen. Seine letzten Lebensjahre verbrachte der Universalgelehrte in Amboise, wo ihm im Clos Lucé ein eigenes Museum gewidmet ist. 

CHÂTEAUX UND KLÖSTER
Bereits die zahlreichen Châteaux würden eine Reise an die Loire rechtfertigen, doch tatsächlich geht der kulturelle Reichtum der Region weit darüber hinaus. Zu nennen sind hier die vielen historischen Städte wie Tours, die Wirkstätte des Heiligen Martin, wo, wie es heißt, das reinste Französisch gesprochen wird. Tours Herz schlägt auf der charmanten, fachwerkgesäumten Place Plumereau, die zu einer Pause bei Kaffee und Tarte Tatin einlädt. Unweit, in Orléans, entschied einst eine außergewöhnliche junge Frau namens Jeanne d’Arc das Schicksal Frankreichs. Beide Städte werden von mächtigen gotischen Gotteshäusern beherrscht; weitere Kathedralen sind südlich und nördlich von Orléans, im ­Geheimtipp Bourges und natürlich in Chartres zu bestaunen.

Zu den architektonischen Schätzen zählen weiters die mittelalterlichen Klosteranlagen: Saint-Benôit-sur-Loire mit gedoppeltem Querhaus und die Abtei von Fontevraud, Grabstätte von Richard Löwenherz, wo sogar das romanische Küchengebäude die Zeiten überdauert hat! 

Wer noch weiter in die Vergangenheit zurückreisen will, besichtigt den karolingischen Sakralbau von Germigny-des-Prés, eines der ältesten Gotteshäuser des Landes. Als mittelalterliches Einzelkunstwerk fasziniert darüber hinaus der größte jemals in Europa gewebte Wandteppich, der im Schloss von Angers wie ein Schatz gehütet wird. Auf ­einer Länge von einhundertdrei Metern stellt dieses Meisterwerk der Handwerkskunst auf äußerst dramatische Art und Weise apokalyptische Visionen aus der Offenbarung des Johannes dar. 

EIN SCHLEMMERPARADIES
Durch das Loiretal sollte man sich auch kosten, denn man wird ein wahres Schlemmerparadies vorfinden. Besonders Käse- und Weinliebhaber finden hier ihr Glück. Kredenzt werden cremige Ziegenkäse-Spezialitäten wie Sainte-Maure oder Selles-sur-Cher, Vendôme in Asche oder pyramidenförmiger Valençay. Dazu passt idealerweise ein trockener oder halbtrockener Weißwein, etwa ein Vouvray oder ein Montlouis, den man am besten im gleichnamigen Weinort degustiert. Alternativ bieten sich roter Chinon oder prickelnder Crémant an.

Der Weg durch das Tal führt auch nach ­Blois und vielleicht ist diese kleine, schmucke Stadt der Ort, wo einem der Zauber der Loire am deutlichsten bewusst wird. Von der erhöhten Terrasse des Jardin de l’Évêché blickt man über die bläulichen Dächer und Backsteinkamine der Altstadt bis zum königlichen Schloss und zur steinernen Brücke, die über den Fluss führt. Hier sieht man das helle Licht, von dem Rodin sprach und man wird gewahr, dass die Loire selbst eine Majestät ist, eine stolze Königin unter den Flüssen. Frankreichs längster Strom, entsprungen im Zentralmassiv und rund 1.000 Kilometer später bei Saint-Nazaire in den Atlantik mündend, ist ein launischer Wasserlauf mit eigenem Willen. Oft als letzter wilder Fluss Europas bezeichnet, hat es nie jemand gewagt, die Loire in ein regulierendes Korsett zu zwingen. Gemächlich aber bestimmt gräbt sie ihr Bett in den weichen Kalkstein und umfließt Sandbänke, die dutzenden Vogel­arten Schutz und Ruhe bieten. 

Und so kann man sicher sein, dass die Loire auch in Zukunft besungen werden wird – als Garten Frankreichs, als Strom des süßen, glücklichen Lebens.

von Dr. Rafael Prehsler

 
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