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ENGLANDS CHARMANTER SüDEN

VON DR. RAFAEL PREHSLER

 
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Zugegeben: Hin und wieder regnet es in Südengland, am schönsten nachmittags. Denn dann ist Teatime und man hat einen wunderbaren Grund, in eine der gemütlichen Teestuben einzukehren und das Wetter vor der Tür zu lassen.

Das Teetrinken ist hier eine Lebensphilosophie und die Kellnerschaft verkörpert die Grundtugenden der vielgerühmten englischen Höflichkeit. Die Bestellung wird mit einem klingenden marvellous choice! entgegengenommen, dann wird aufgetischt: Zuckerdose, Milchkännchen und die klassischen Porzellantassen, in denen der Tee sein Aroma bestmöglich entfalten kann. Dazu werden, je nach Appetit und Vorliebe, Sandwiches, süße Trifles und Fruchttörtchen, Rhabarber-Crumbles und natürlich Scones aus Mürbteig gereicht, stilecht mit Clotted Cream und Erdbeermarmelade. Wenn man nicht aufpasst, verweilt man hier ewig. Doch so plötzlich der Regen hier manchmal einsetzt, so rasch verschwindet er auch wieder, um dem unvergleichlich hellen, weißen Licht zu weichen, das so typisch ist für diesen Landstrich. Dann zieht es einen sofort ins Freie, ist man doch im wunderschönen Süden Englands, wo es allerorts Erstaunliches zu entdecken gibt! 

Stonehenge und König Artus
Da wären zunächst die Orte voller Mystik, allen voran die UNESCO-Welterbestätte Stone­henge. Ab dem dritten vorchristlichen Jahrtausend in drei Phasen errichtet, birgt der monumentale Steinkreis nach wie vor viele Geheimnisse. Wie gelang es, die tonnenschweren Monolithe aus zum Teil weit entfernten Gegenden herbeizuschaffen und vor Ort aufzurichten? Wie und wofür wurde die perfekt auf den Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende ausgerichtete Kultstätte genutzt? Trotz oder gerade wegen der offenen Fragen besitzt Stonehenge eine zeitlose Kraft, fasziniert von der ersten Sekunde an. 

Nicht minder spannend ist ein anderes großes Rätsel der Region – die Legende um König Artus. Dessen Existenz ist nicht erwiesen und die Geschichte der Gral suchenden Ritter wohl eine gut erfundene. Dennoch lassen sich reale Orte besuchen, die mit Artus in Verbindung gebracht werden: In der Burg Tintagel, deren Ruinen heute spektakulär über einer steilen Klippe an der Nordküste Cornwalls aufragen, mag er einst gelebt haben. Und in der mittelalterlichen Abtei von Glastonbury, deren himmelragende Mauerreste die Zeiten überdauert haben, sollen er und seine Frau Guinevere ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. 

Land´s End
Legende hin oder her, märchenhaft sind jedenfalls Cornwalls Ortschaften: Padstow, mit seinen traditionellen Steinhäusern, oder das malerische St. Ives. Schon vor zweihundert Jahren lockte das besondere Flair dieses Fischerdorfs Maler wie William Turner an die Küste, sodass hier bald eine regelrechte Künstlerkolonie entstand. Heute flaniert man entlang der Strandpromenade und durch die verwinkelten Gassen, freut sich über das milde Klima und genießt Fish ‚n‘ Chips am beschaulichen Hafen. Von St. Ives bietet sich ein Ausflug nach Land’s End an, Englands westlichstem Punkt. Vom gut sechzig Meter hohen, vom Meer umtosten Kliff hat man ­einen sensationellen Ausblick auf den Atlantik bis zu den Isles of Scilly. Vor der Südküste Cornwalls erhebt sich schließlich St. Michael’s Mount, eine festungsartige Klosteranlage auf einem Granitfelsen, die im 12. Jahrhundert von Benediktinermönchen vom französischen Mont-Saint-Michel begründet wurde. Man erreicht die Anlage auf einem Boot oder spaziert bei Ebbe zu Fuß hinüber.

Bath
Um noch weiter in die Vergangenheit zurückzureisen, begibt man sich am besten in die quirlige Studentenstadt Bath in der Grafschaft Somerset. Bath ist eigentlich Inbegriff des gregorianischen Städtebaus, erkennbar an den geometrischen Platzanlagen und den einheitlich gestalteten Fassaden. Doch bereits in der Antike war die Stadt ein beliebter Kurort. Die herrlichen römischen Badeanlagen, erbaut im 1. Jahrhundert n. Chr., können nach wie vor besichtigt werden. Gleich in der Nähe, am Rande der grünen Hügel der Cotswolds, liegt die Ortschaft Castle Combe. Das Bilderbuchdorf verzaubert mit seinen harmonisch aneinandergereihten Wohnhäusern aus honigfarbenem Kalkstein – Fotomotive gibt es hier ohne Ende. 

Kathedralen …
Etwas weiter südwestlich, in Wells, stößt man auf ein architektonisches Kuriosum. Mit Vicar’s Close besitzt die Stadt nämlich die älteste Reihenhaussiedlung Europas. Daneben befindet sich die Kathedrale, eine der ersten gotischen Englands. Ende des 12. Jahrhunderts erbaut, beeindruckt sie mit ihrer mächtigen Doppelturmfassade, den ungewöhnlichen, gekreuzten Spitzbögen in der Vierung und dem reichen Skulpturenschmuck – wenn man genau hinsieht, erkennt man unter den Figuren sogar Obstdiebe oder einen Mann mit Zahnschmerzen.

Generell sind Südenglands Kathedralen eine eigene Reise wert. Wunderwerke dieser Art stehen auch in Exeter und Winchester, Englands mittelalterlicher Hauptstadt. Winchesters Kathedrale, normannisch begonnen und gotisch vollendet, ist mit ihrer unglaublichen Länge von fast 170 Metern ein würdiger Rahmen für das Grab Jane Austens. Bezüglich der Ausmaße braucht sich auch Salisbury nicht verstecken – die dortige Kathedrale kommt auf einer weitläufigen unbebauten Rasenfläche perfekt zur Geltung; schier endlos wirkt der Innenraum der Kirche.

Zu diesen Höhepunkten der Architektur gesellen sich einmalige Naturerlebnisse, etwa die Fahrt durch den Dartmoor Nationalpark. Die raue, hügelige Moorlandschaft ist berühmt für ihre freilaufenden Ponys und bizarre Granitformationen, die so genannten Tors. Weiter westlich wartet die idyllische Lizard-Halbinsel darauf, entdeckt zu werden – ein Spaziergang führt zur wildromantischen Bucht von Kynance Cove, die vielen als die schönste Cornwalls gilt.

… und Gartenkunst
Letztlich darf man die Region nicht verlassen, ohne wahren Musterbeispielen der englischen Schloss- und Gartenkunst einen Besuch abzustatten: Lanhydrock House aus viktorianischer und Prideaux Place aus elisabethanischer Zeit geben einen umfassenden Einblick in die raffinierte Lebensweise der Aristokratie und wurden mit gutem Grund als Drehorte für Rosamunde-Pilcher-Filme auserkoren. Als entsprechende Kulisse diente auch der fantastische Trebah-Garten an Cornwalls sanfter Südküste. Subtropische Vegetation sorgt hier das ganze Jahr über für ein prächtiges Farbenspiel. Und sollte es doch wieder einmal regnen, ist es höchste Zeit für eine Pause mit duftendem Cream Tea und warmen Scones.

von Dr. Rafael Prehsler

 
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